Wenn es nicht mehr anders geht

Veränderung beginnt selten erst mit der Erkenntnis. Wir wissen schon lange vorher, dass sich da etwas anbahnt. Und ändern trotzdem nichts an der Situation.

Der Glaube liegt ja auch nahe, dass sich etwas von alleine verändern würde. Dass es gerade nur die Umstände sind. Dass dieses Gefühl vorübergeht. Also arrangieren wir uns weiter und reden uns die Situation schön.

Der Grund dafür liegt tiefer. Wer sich über Jahre an eine Situation angepasst hat, verändert dadurch auch das Verhältnis zur eigenen Wahrnehmung. Man spürt durchaus, dass etwas nicht mehr stimmt. Doch man nimmt diese Wahrnehmung nicht mehr ernst.

In der Psychologie heißt dieser Zustand kognitive Dissonanz. Wissen und Verhalten gehen auseinander, und das erzeugt Spannung. Aufgelöst wird sie selten dadurch, dass sich das Verhalten ändert. Meist ändert sich stattdessen die Bewertung.

Also wischt man den Gedanken weg. Man beschäftigt sich. Scrollt am Handy. Trinkt abends ein Glas Wein. Oder redet innerlich auf sich ein. Stell dich nicht so an. Sei froh, du könntest schlimmer dran sein.

Vielleicht kennst du das. Du weißt seit Monaten, dass dieser Job dir jegliche Energie zieht. Du kannst sogar präzise erklären, was da falsch läuft. Nur den richtigen Zugang dazu findest du nicht mehr. Stattdessen hat sich eine Müdigkeit eingeschlichen, die du dir selbst nicht erklären kannst.

Der Körper meldet sich immer früher als der Kopf. Schlaf, der nicht mehr erholt. Eine Enge im Brustkorb. Die Stimmung am Sonntag, die schlechter wird, je näher der nächste Arbeitstag rückt. Ständiges Kranksein, ohne sich richtig erholen zu können. Das sind keine Zufälle. So versucht dein Körper dir zu zeigen, dass du einen Weg gehst, der dich auf die Knie zwingt.

Erst wenn es sich nicht mehr aus dem Bewusstsein wegschieben lässt, kommt Bewegung hinein. Das ist der Moment, in dem viele Frauen zu mir kommen. Der Moment, in dem ihnen bewusst wird, dass das Ausblenden und Schönreden nicht mehr funktionieren.

Und dann kommt der Teil, über den selten gesprochen wird. Das Schwerste ist nicht die Entscheidung, etwas zu beenden oder zu verändern. Das Schwerste ist, sich einzugestehen, wie lange man die Situation ausgehalten hat. Wie viel Kraft man dafür verwendet hat, sie jeden Tag erträglich zu machen. Im Nachhinein ist es schmerzhaft zu sehen, warum man sich das so lange zugemutet hat.

Doch genau da liegt die Information. Nicht in der Frage, was weg soll. Sondern in der Frage, was dich so lange in der Situation hat bleiben lassen.

Wer sich das genau anschaut, wechselt nicht nur die Kulisse. Sondern verändert sein Leben.

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