In der Stille wartet Fülle

Wenn ich wirklich still werde, beginnt etwas, dem ich mich lange verweigert habe. Ich wollte es nicht, da ich Stille lange mit Zeitverschwendung verbunden habe. Denn nicht die Stille selbst ist das Ungewohnte, sondern das, was sich in ihr zeigt.

Ich musste die Stille lange füllen. Mit Gedanken, mit Aufgaben, mit der nächsten Ablenkung. Doch wenn ich wirklich innehalte, merke ich eher, dass ich zur Ruhe komme.

Ruhe kann so schön und angenehm sein. Und trotzdem fühlt sie sich ungewohnt an, da wir ständig mit Informationen zugebombt werden. Menschen melden sich, erwarten eine sofortige Reaktion.

Mein Telefon ist mittlerweile immer auf lautlos. Ich entscheide selbst, wann und auf wen ich reagiere, und in welchem Tempo.

Gerade die Ruhe ist das Wertvollste, was ich mir geben kann. Genau davon werden wir regelmäßig abgelenkt. Kreativität zeigt sich nicht, indem ich sie erzwinge, sondern sobald ich ihr Raum gebe. Ohne Stille bleibt sie unsichtbar, auch wenn sie längst da ist.

In Momenten, in denen mir nichts anderes übrig bleibt, als zu warten, an der Kasse, am Wasserkocher, beim Haareföhnen, habe ich mir etwas angewöhnt. Bewusst zu atmen. Mich mit meinem Körper zu verbinden.

Ich kann Kontakt aufnehmen zu der Person, die ich bin, indem ich einfach in mich hineinfühle. Nicht zu der Version von mir, die funktioniert und liefert. Sondern zu dem, was schon da war, bevor ich gelernt habe, mich anzupassen.

Ich empfange Richtung von innen. Mein Kompass ist still, aber zuverlässig. Er meldet sich nicht mit Lautstärke, sondern mit Klarheit, sobald ich bereit bin, ihm zuzuhören.

Was ich in der Stille empfange, sind keine neuen Informationen von außen. Es sind Antworten, die schon immer da waren. Das, was aus mir herauskommt. Das, was ich bin. Meine Werte.

Diese Übung im Zuhören hat mir das gezeigt. Je öfter ich still werde, desto klarer wird der Unterschied zwischen dem, was mein Verstand mir erzählt, und dem, was mein Selbst mir zeigt.

Am Anfang war das ungewohnt. Ich wollte etwas erreichen, oder zumindest produktiv sein, sogar in der Zeit der Stille. Ein Ergebnis, ein Aha-Moment, eine Erkenntnis, die ich mitnehmen kann. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass genau dieses Wollen der Stille im Weg steht.

Sobald ich aufhöre, etwas zu erwarten, verändert sich die Qualität dieser Momente. Ich werde zur Beobachterin meiner eigenen Gedanken, statt in ihnen gefangen zu sein. Ich bemerke, wie ein Gedanke auftaucht, wie er sich anfühlt, und wie er wieder vergeht, ohne dass ich ihm hinterherlaufen muss. Das gibt mir eine Ruhe, die ich vorher nicht kannte.

Daran erkenne ich auch, wie sich etwas für mich anfühlt. Manche Dinge rauschen einfach an mir vorbei. Bei anderen spüre ich auf einmal: Da ist etwas, das mich mitnimmt.

Ich bin nicht die Summe meiner Gedanken. Ich bin das, was schon immer da war. Und genau dort, in diesem Raum, wartet die Fülle, die ich so lange gesucht habe. Dabei war sie die ganze Zeit in mir.

Was sich am Anfang wie Zeitverschwendung anfühlte, ist inzwischen das Gegenteil geworden. Die wertvollste Zeit, die ich mir geben kann.

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