Wenn Gefühle keinen Platz haben

Mein Vater starb, als ich sechs war. Meine Mutter steckte in ihrem Trauerprozess fest – und ließ keine Hilfe von außen zu. Was damals fehlte, war jemand, der uns durch die Trauer begleitet. Ich blieb mit meinem Schmerz allein. Ein Elternteil war gestorben – das andere nicht erreichbar.

Ich musste schon früh lernen, nach außen fröhlich zu wirken. Was wirklich in mir vorging, hat niemand gesehen – da kein Platz dafür da war. Ich war ordentlich, habe keinen Anlass für Ärger gegeben. Immer vorbildlich. In der Hoffnung, von meiner Mutter gesehen zu werden.

Von außen wird das oft als Stärke bezeichnet. Man funktioniert, man macht weiter. Aber was dabei in einem passiert, ist das Gegenteil von Stärke. Man erfriert innerlich.

Es zieht sich alles zurück. Die Leichtigkeit, die Neugier, das Spielen. Die Lebendigkeit, die das Kindsein ausmacht. Einfach nur zu spielen – das hat sich nicht richtig angefühlt. Es war ein Leben im Funktionsmodus, im Autopiloten. Aber wirkliches Leben kann man das nicht nennen.

Und das Besondere daran: Es geschieht so allmählich, dass man es kaum bemerkt. Irgendwann ist die Leichtigkeit einfach weg. Dinge, die einem früher Freude machen konnten, fühlen sich nur noch nach Zeitverschwendung an.

Viele Frauen, die ich begleite, kennen dieses Gefühl. Nicht unbedingt als Erinnerung an die Kindheit – sondern als Zustand, der heute noch sehr präsent ist. Sie wissen nicht mehr, was ihnen wirklich Freude macht. Sie haben verlernt, einfach zu sein.

Das ist kein Charakterzug. Das ist ein Schutzmechanismus – entstanden in einer Zeit, in der Gefühle keinen sicheren Platz hatten.

Und Schutzmechanismen lassen sich auflösen. Nicht durch Willenskraft allein, sondern durch den behutsamen Kontakt mit dem, was da ist – was gefühlt werden möchte. Durch die Erlaubnis, wieder mit dir in Kontakt zu kommen. Durch viele kleine Momente in deinem Leben, in denen Leichtigkeit wieder Raum bekommt.

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