Um mich selbst zu erkennen, brauchte ich jemanden, der mich sieht. Ursprünglich habe ich einen anderen Beruf gelernt und viele Jahre darin gearbeitet. Der Beruf war nie meins. Die Rahmenbedingungen haben mich immer wieder krank gemacht. Das Umfeld war laut, die Teams waren gespalten, und die Stimmung war schon morgens meistens sehr gedrückt bis kaum auszuhalten.
Durch das häufige Krankwerden habe ich mir irgendwann überlegt, was ich beruflich machen kann, das besser zu mir passt.
Auf meinen zweiten Beruf bin ich nicht selbst gekommen. Ich wusste lange nicht einmal, dass es den Beruf Heilpraktiker:in für Psychotherapie gibt. Ich habe mich mit meinem Umfeld ausgetauscht, und von unterschiedlichen Menschen wurde mir gespiegelt, was ich gut kann. Das, was ich sowieso die ganze Zeit mache.
Dabei war das Thema schon lange da. Seit den Anfängen der 20er interessiere ich mich für Psychologie und Persönlichkeitsentwicklung. Ich wollte schon immer verstehen, warum Menschen so unterschiedlich sind und wie man am besten mit ihnen umgeht. Dahinter stand natürlich im Kern die Frage: Warum bin ich so anders als die anderen? Warum spüre ich einen so großen Unterschied?
Was einem leichtfällt, erkennt man nicht so einfach. So erging es auch mir. Für mich ist es zum Beispiel ganz normal, auf mehreren Ebenen gleichzeitig und ziemlich schnell zu denken und Menschen, Situationen und Herausforderungen anders wahrzunehmen, als es die meisten machen.
Andere sehen das sofort, weil es für sie nicht normal ist. Also brauchte ich den Blick von außen. Erst dann konnte ich verstehen, dass das, was ich die ganze Zeit mache, eine Leistung ist, die die meisten gar nicht hinbekommen. Eine Fähigkeit, die selten vorkommt.
Es hat über zehn Jahre gedauert, bis ich mich mit dieser Rolle vollständig identifizieren konnte. Und noch immer klappt es nicht zu 100 Prozent. Für mich ist es so selbstverständlich, dass es schwer zu glauben ist, dass ich damit aus dem Rahmen falle, laut den anderen.
Das erklärt auch, warum ich so oft das Gefühl habe, eine andere Sprache zu sprechen. Andere können mir nicht immer so einfach folgen.
Was andere längst in mir gesehen haben, darf ich mittlerweile selbst erkennen.