Eine neue Perspektive

Von Anfang an war es so. Ich habe es nicht anders gekannt. Es war nichts, wofür ich mich bewusst entschieden habe. Ich bin in diese Rolle hineingewachsen. Helfen war die Art, wie ich als Kind versucht habe, die Aufmerksamkeit meiner Mutter zu bekommen. Doch egal, was ich tat, es war nie genug. Irgendwas war immer.

Über Jahrzehnte wurde daraus eine Selbstverständlichkeit, ganz unbewusst. Anders habe ich mich gar nicht gesehen. Das war meine Identität. So wie jeder in einem Familiensystem eine Aufgabe hat, war meine die Stabilität. Ich war immer da. Ich habe immer geholfen, wo ich konnte. Ich habe zugehört und war auf irgendeine Art eine Unterstützung. Es war auch ein inneres Bedürfnis.

Dabei habe ich mich immer an den anderen orientiert und selten an mich gedacht. Für alle anderen habe ich den besten Weg gesucht. Nur mir selbst war ich nie wichtig genug. Es war keine bewusste Entscheidung. Ich habe es von zu Hause so mitbekommen. Wir waren mehrere Kinder, und ich wollte einfach dieses typische Familienleben, das es bei uns nie gab.

Heutzutage weiß ich, dass ich nichts leisten muss, um genug zu sein. Ohne mich über das Helfen zu definieren, darf ich einfach sein. Um dazuzugehören, muss ich nicht mehr springen. Ich bin mir selbst genug.

Dieser Perspektivwechsel hat vieles leichter gemacht. So habe ich mir wieder Ressourcen freigeschaufelt, die ich vorher für andere hergegeben habe. Da ich nicht mehr für jeden springe, entscheide ich mich heute bewusst, für welche Menschen ich etwas tue und mit wem ich mich umgebe. Und in dieser Stille habe ich Zeit gefunden. Zeit, um auszuruhen. Zeit für mich. Zeit, um bei mir anzukommen.

Heute ist es mir wichtig, dass ich dafür wahrgenommen werde, wer ich bin.

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