Was ich nie für möglich gehalten hätte
Lange Zeit dachte ich, alle Menschen wären gleich. Dass jeder die gleichen Fähigkeiten mitbringt. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass Menschen so unterschiedlich wahrnehmen.
Oft mussten Menschen gar nicht viel sagen. Wenn jemand in meiner Nähe war, habe ich automatisch wahrgenommen, was dahintersteckt. Muster erkannt, bevor jemand sie ausgesprochen hat. Verbindungen gesehen, die anderen verborgen blieben.
Ich habe das nie als Fähigkeit wahrgenommen. Es war schon immer da. So selbstverständlich, dass es mir nie aufgefallen ist, dass es etwas Besonderes sein könnte.
Was ich stattdessen gespürt habe: Ich passe nicht ganz dazu. Immer wieder, jahrelang, egal wo ich mich befand. Wenn ich beschrieben habe, was ich wahrnahm, habe ich meistens nur leere Blicke geerntet. Manchmal haben Menschen abgestritten, was ich gesagt habe. Oft wollten sie es nicht hören. Ich habe ausgesprochen, was ich wahrnahm – ohne gefragt worden zu sein, da ich dachte, dass man das so macht.
Manchmal war das zu direkt. Ein Spiegel, in den viele nicht reinschauen wollten. Irgendwann habe ich aufgehört, Dinge zu erklären, die für mich offensichtlich waren. Ich habe mich zurückgezogen und kaum noch mitgeteilt, was ich wahrnahm.
Mit der Zeit hat sich das verändert. Durch viele kleine Schritte. Durch das langsame Begreifen, dass genau das, was ich mein Leben lang kleingehalten habe, der Kern dessen ist, womit ich anderen helfen kann.
Das, was ich mein Leben lang für selbstverständlich gehalten habe, war es nie. Und genau das, womit ich mich lange als Außenseiterin gefühlt habe, ist heute das, womit ich arbeite. Es ist meine Kernkompetenz.
Sogar fremde Menschen erzählen mir sehr persönliche Dinge. Und ich habe oft gehört, dass sie durch meine Art, etwas zu erklären, bestimmte Dinge zum ersten Mal wirklich verstanden haben. Ein Wort, das etwas auslöst. Eine Perspektive, die sie so noch nicht kannten.
Es hat mehrere Jahre gedauert. Ich brauchte Menschen, die mir gespiegelt haben, was sie in mir sahen – weil ich es für zu selbstverständlich gehalten habe und mir nicht vorstellen konnte, dass andere das nicht können. Was für sie so offensichtlich war, konnte ich lange nicht als meine Begabung annehmen. Es brauchte viel Zeit und Feedback, um es irgendwann als das zu sehen, was es ist – eine Fähigkeit, die selten vorkommt. Und schlussendlich brauchte es meine Erlaubnis, die zu sein, die ich tatsächlich bin.
Integration bedeutet für mich, aufzuhören, das wegzuschieben, was zu mir gehört. Und anzufangen, es zu leben.