Es gibt Phasen im Leben, in denen Rückzug eine notwendige Entscheidung ist. Nicht als Flucht, sondern um Klarheit zu bekommen.
Wenn man die Person ist, die den Kontakt aufrechterhält, sich immer meldet, immer präsent ist – wird das irgendwann ein Selbstläufer. Es fühlt sich ganz normal an. Bis man irgendwann merkt, dass die Initiative immer nur von einem selbst kommt. Dass man mehr in eine Beziehung einbringt, als man zurückbekommt. Und da es schon immer so war, hat man es auch kaum bemerkt. Diese Erfahrung habe auch ich irgendwann in meinem Leben gemacht.
Irgendwann kam der Punkt, an dem ich aufgehört habe, die Initiative zu ergreifen. Bei allen und allem. Ich habe mich aktiv aus dem Geschehen zurückgezogen. Ich wollte sehen, was passiert, wenn ich nicht mehr diejenige bin, auf die man sich immer verlassen kann, die immer da ist. Was passiert, wenn ich einfach mal gar nichts mache.
Was dabei sichtbar wurde, war nicht immer angenehm. Beziehungen, die sich jahrelang selbstverständlich angefühlt hatten, erwiesen sich als weniger belastbar als gedacht. Andere überraschten mich.
Diese Erfahrung war notwendig. Auch wenn sie nicht schön war. Sie hat Ressourcen freigelegt, die ich vorher nicht hatte, da ich so viel Zeit und Energie in andere investiert hatte. Auf einmal hatte ich Klarheit darüber, wer wirklich da ist in meinem Leben. Und wer nicht.
Dieses Muster beobachte ich auch bei Frauen, die ich begleite. Der Moment, in dem jemand aufhört, immer die Initiative zu ergreifen und aus einem System ausbricht, setzt eine Energie frei. Einen Energieschub, der einen anfangs überwältigen kann. Aber wenn er in die richtige Richtung gelenkt wird, entsteht daraus großes Potenzial.